Mit dem »Leuchtenden Prinzen« fing es an

Wie findet man einen Zugang zu so einer zunächst so fremd erscheinenden Kultur wie der japanischen? Und wie kann es gelingen, seine Leidenschaften zu professionalisieren? Ursula Gräfe, Haruki Murakamis deutsche Übersetzerin, über glückliche Zufälle, die Faszination der Ferne und ihre Liebe zur japanischen Sprache.

 

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Murakamis berühmtester Roman in Neuübersetzung

Natürlich war Japan Ende der 1970er viel, viel weiter weg als heute. Fast am weitesten, außer vielleicht Neuseeland, aber den Herrn der Ringe gab es ja damals erst als Buch.

Rückblickend habe ich den Verdacht, mein Entschluss, Japanologie zu studieren, hatte mehr mit der Entfernung zu tun, als mit einem fundierten Interesse an Japan. Ich stürzte mich ins Abenteuer und war nach vier Semestern in der Lage, innerhalb von vier Stunden einen einzeiligen Satz aus dem klassischen Japanisch, genauer gesagt, der »Geschichte des Prinzen Genji« (entstanden ungefähr im Jahr 1000) zu übersetzen. Mit Hilfe zahlreicher Nachschlagewerke, versteht sich. Ein grandioses Gefühl! Mit der Zeit entdeckte ich auch die moderne Literatur und verliebte mich in die faszinierenden Welten von Akutagawa, Tanizaki, Mishima und nicht zuletzt Haruki Murakami, der damals noch ein echter Geheimtipp war.

Bis viele Jahre später ein kleines Wunder geschah. Ein renommierter Frankfurter Verlag in der Nachbarschaft unseres Instituts fragte an, ob jemand ein Buch über die Kulturgeschichte der Heian-Zeit (794-1192) aus dem Englischen übersetzen könne: »The World of the Shining Prince«, sprich, die Welt des Prinzen Genji, in der ich so viele Stunden verbracht hatte. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Etwas Ähnliches wiederholte sich im Jahr 2000, als ich nach dem berühmt-berüchtigten Krach im »Literarischen Quartett«, um den es im kommenden Gespräch mit Programmleiterin Annette Weber auch gehen wird, vom DuMont Buchverlag den Auftrag erhielt, »Naokos Lächeln« von Haruki Murakami aus dem Japanischen ins Deutsche zu übersetzen.

Die deutsche Übersetzerin von Haruki Murakami: Ursula Gräfe

Ursula Gräfe (*1956) ist eine deutsche Autorin und literarische Übersetzerin. Gräfe hat an der Universität Frankfurt Japanologie, Anglistik und Amerikanistik studiert. Seit 1988 arbeitet sie hauptberuflich als Übersetzerin literarischer Werke vor allem aus dem Japanischen sowie aus dem Englischen und Amerikanischen. 2004 erhielt sie zusammen mit Kimiko Nakayama-Ziegler den Übersetzerpreis der Japan Foundation für den Erzählband »Schwimmbad im Regen« der Autorin Yōko Ogawa.

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